„Wir sind aus dem Krieg geflohen, hinein in ein offenes Gefängnis“

1994: zwei Wochen nachdem die 12-jährige Jasminka J. in Folge eines allem Anschein nach rassistischen Brandanschlags in einer Notunterkunft in Köln ihren Verletzungen erlag, folgte für ihren Vater Dragan J. und seiner Familie der Abschiebebescheid nach Serbien.

2021: Seit nun mehr als 27 Jahren droht der Roma-Familie die Abschiebung. 27 Jahre in Unsicherheit. 27 Jahre in Ungewissheit. 27 Jahre ohne Gerechtigkeit.

Die von den Strapazen gezeichnete Familie hat nun durch solidarische Menschen in Serbien einen möglichen Plan B in Aussicht gestellt bekommen. Ein älteres Haus würde zur Not der Familie zur Verfügung gestellt werden, sollte sie abgeschoben werden. Der Haken hierbei ist jedoch das vorm Einsturz gefährdete Dach des Hauses. Während das Innere die letzten unbewohnten Jahre trocken überstanden hat und auch nachhaltig nutzbar sein wird, droht das Dach komplett einzustürzen. Die zukünftige Nutzbarkeit des Hauses ist demnach massiv gefährdet. Um das Dach reparieren zu lassen, fehlen der Familie die notwendigen finanziellen Mittel.

Im Jahre 1993 lebte Dragan J. noch mit seiner Familie im ehemaligen Jugoslawien. Die heute als Jugoslawienkriege zusammengefassten militärischen Auseinandersetzungen führten dazu, dass er und seine komplette Familie sich zur Flucht entschieden, die sie letztendlich nach Deutschland führte. Nicht nur der Krieg an sich ließ die Familie diese Entscheidung fällen, sondern auch der Umstand, dass Dragan J. selbst hätte kämpfen müssen, da er zuvor den Militärdienst absolvierte. Für ihn war klar, dass der Griff zur Waffe keine Möglichkeit darstellt. Er selbst hat seinen Opa während des 2. Weltkriegs im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau verloren. Nicht noch einmal sollte ein Krieg seine Familie in Gefahr bringen.

Mit großen Hoffnungen kam Familie J. Ende 1993 in Deutschland an. In Köln wurden sie in einer Notunterkunft für Geflüchtete untergebracht. Am 26. Januar 1994 legten dort bis heute unbekannte Täter:innen mehrere Feuer. Zu der Zeit war Dragan J. mit seiner Frau Jagoda bei Bekannten. Sieben Familienmitglieder waren jedoch zu der Zeit in der Notunterkunft. Sie alle wurden mit teils schweren Verbrennungen ins Krankenhaus gebracht. Dragan J. selbst erfuhr durch den Anruf der Feuerwehr von der Tragödie. Er erinnert sich noch heute sehr genau an die schrecklichen Bilder auf der Intensivstation.

 „Das war furchtbar. Man konnte gar nicht erkennen wer wer war. Die ganzen Apparate und die Verbrennungen. Ich habe niemanden erkannt“.

Die Folgen des Brandes sind den betroffenen Familienmitgliedern heute noch anzusehen. Sie tragen sie jeden Tag mit sich. Zwei Familienmitglieder überlebten den Anschlag nicht. Die Tante von Dragan J. erlag im März ihren Verletzungen. Später folgte ihr seine Tochter Jasminka. Sie wurde noch im Krankenhaus zwölf Jahre alt. Sie hat lange gekämpft, doch ein großer Teil ihrer Haut war verbrannt und sie hat viel Rauch und Ruß eingeatmet. Letztendlich zu viel.

„Mir wurde meine Tochter genommen. Die bis heute größte Katastrophe meines Lebens.“

Die negativen Ereignisse nahmen damit jedoch kein Ende. Während Dragan J. und seine Familie noch um die verlorenen Familienmitglieder trauerten, die sie aufgrund der Ausreisebeschränkung nicht persönlich im heutigen Serbien zu Grabe tragen konnten, bekamen sie einen Bescheid von der Ausländerbehörde. Die ganze Familie solle sofort das Land verlassen, sonst drohe die Abschiebung. Kurze Zeit nach dem Brandanschlag und keine zwei Wochen nach dem Tod von Jasminka.

„Fast meine ganze Familie hat schwere Verbrennungen, meine Tochter ist gestorben und dann sowas. Da muss man das alles durchmachen und dann sagen die, ihr müsst wieder dahin zurück wo Krieg ist. Das ist eine Katastrophe“.

Bis heute konnte die Familie auch mit Hilfe des Rom e.V., der bereits kurze Zeit nach dem Brandanschlag und bis zum heutigen Tage die Familie unterstützt, eine Abschiebung abwenden. Zu dem Preis, dass über Jahrzehnte die Unsicherheit herrschte, wann es zu eben dieser Abschiebung kommen wird. 27 Jahre in Unsicherheit und 27 Jahre in der gleichen Geflüchtetenunterkunft. Die Familie hat stets versucht eine andere Bleibe zu finden. Doch staatliche Auflagen und der Kölner Wohnungsmangel führten dazu, dass sie bis heute in einer Geflüchtetenunterkunft Leben müssen. Begleitet von regelmäßigen Repressionen durch die Polizei verbringt Dragan J. mit seiner Familie nun mehr als sein halbes Leben auf einem Platz am Rande von Köln, möglichst weit weg von belebten Gegenden.

„Du hast hier immer Stress. Es kommen und gehen immer neue Leute. Hier wohnen 30 oder 40 verschiedene Familien. Es gibt immer wieder Streitereien. Es gibt Stress mit den Kindern. Alle hier sind dauergestresst. Das macht einen psychisch fertig. Auch meine Psyche hat sich katastrophal entwickelt. Meine ganze Familie nimmt das hier mit. Immer ohne Perspektive“.

Mehrmals dachte Dragan J. darüber nach, das Land, in dem er seine Tochter verlor und mit dem so viele schlimme Erfahrungen verknüpft werden, hinter sich zu lassen.

„Wir sind aus dem Krieg geflohen, hinein in ein offenes Gefängnis. Überall gibt es Verbote. Ich fühle mich hier wirklich wie eingesperrt“.

Die Zukunft seiner Kinder liegt ihm jedoch zu sehr am Herzen. Ohne ein Dach über dem Kopf, wäre es für sie eine Katastrophe nach Serbien zurück zu müssen. Der Großteil der Familie wie sie heute zusammenlebt, ist noch nie in Serbien gewesen. Sie können die Sprache nicht. Deutschland wurde zu ihrem zu Hause. Es gibt vor Ort keinen staatlichen Rettungsring, schon gar nicht für sie als Roma. Der Gedanke daran versetzt Dragan J. in völlige Hilflosigkeit.

Auch wenn die Familie weiterhin alles dafür geben wird einen Aufenthalt in Deutschland zu bekommen, ist die Aussicht einer Unterkunft in Serbien zumindest ein Hoffnungsschimmer, im Zweifel einer Abschiebung nicht völlig unterzugehen. Um diesen Hoffnungsschimmer aufrecht zu erhalten, ist die Familie auf Unterstützung angewiesen und bittet daher um jede noch so kleine Spende. Jeder Cent wird in die Errichtung eines neuen Daches investiert werden und sollte die Familie letztendlich doch noch das Bleiberecht zugesprochen werden, gäbe es zumindest eine bewohnbare Unterkunft in der Nähe des Grabes von Jasminka. Somit könnten nach Aufhebung der Residenzpflicht die verpassten Jahre zumindest ein Stück weit nachgeholt werden.

Abschließend noch ein paar persönliche Worte von Dragan J. selbst:

„Guten Tag,
ich bin kein Mensch der vielen Worte, trotzdem möchte ich erwähnen, dass es uns sehr schwer fällt, andere Menschen um Spenden zu bitten. Wir würden gerne unsere Angelegenheiten selber klären können. Leider sind wir seit fast 30 Jahren auf Unterstützung angewiesen und wir merken immer mehr, wir schaffen es nicht allein. So schwer es auch zu akzeptieren ist, aber um nicht jeden Abend mit der Angst ins Bett gehen zu müssen, dass wir oder auch nur einer von uns am nächsten Tag in Folge einer Abschiebung kein Dach mehr über dem Kopf hat, sind wir auf IHRE Hilfe angewiesen. Wir freuen uns über jeden kleinen Beitrag, den Sie entbehren können und ich möchte mich im Namen meiner ganzen Familie für Ihre Aufmerksamkeit und Solidarität bedanken.“

Da er sich mit geschriebenen Worten, insbesondere in deutscher Sprache, nicht so wohl fühlt, bat Dragan J. die Opferberatung Rheinland (OBR), in deren Beratung sich die Familie seit 2016 befindet, um Unterstützung. Somit wurde diese Spendenkampagne von der OBR organisiert und der vorherige Text formuliert. Alles in ständigem Austausch und Rückkopplung mit der Familie.

Um das Dach zu erneuern und das Haus ansatzweise bewohnbar zu machen, ist ein Betrag zwischen 9.000 und 12.000 Euro nötig. Wenn Sie Familie J. mit einer Spende unterstützen möchten, nutzen Sie bitte den PayPal-Spendenbutton. Bitte fügen Sie die Bemerkung Unterstützung Familie J. hinzu, damit wir die Spende zuordnen können.

Sie haben kein PayPal? Kein Problem, dann nutzen Sie einfach folgende Kontodaten:

IDA e.V.
IBAN: DE44 3005 0110 0047 0223 06
BIC: DUSSDEDDXXX
Stadtsparkasse Düsseldorf
Verwendungszweck: Unterstützung Familie J.